Kunst erleben und machen mit Demenz

In meinem vorigen Blogartikel habe ich erläutert, warum es sich für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen lohnt, Museen zu besuchen. Unter anderem, weil demenziell veränderte Personen enorm kreativ sein können und oft einen anderen, auch überraschenden Blick auf Dinge haben.

Bieten viele Kunstmuseen deshalb heutzutage solch ausgefeilte und fantasievolle Programme für Menschen mit Demenz an? Kunst ist ein Gebiet, in dem man Gewissheiten über den Haufen wirft, Fragen stellt und Begebenheiten auf neue Art sichtbar macht. Das gilt auch für den Alltag von Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. Viele Dinge geraten durcheinander, wie die schon sprichwörtliche Socke, die sich plötzlich im Kühlschrank wiederfindet, oder sie werden umfunktioniert, wenn man die Spülbürste beispielweise auch einer Eignung als Haarbürste unterzieht…

Aber Kunst kann für Menschen mit Demenz auch bedeuten, sich in eine Sache zu vertiefen. Mein Vater war im hohen Alter ein Meister der Collage und verblüffte mich mit seiner Ruhe und Genauigkeit, mit der er kleine Farbkärtchen zu einem ausgeklügelten Muster anordnete. Das bestätigte sein Selbstwertgefühl in mehrerlei Hinsicht: die Ordnung, wenn es ihm gelang, die Kärtchen Kante an Kante aneinander zu legen. Dazu aktivierte das Ganze seinen Sinn für Ästhetik und erinnerte an seinen gestaltenden Beruf, denn er war Architekt gewesen. Und schließlich konnte er diese Kärtchen betasten. Das Haptische wurde für ihn im hohen Alter immer wichtiger, um Dinge im doppelten Sinn zu ‚begreifen‘. Besonders Spaß machte es, wenn wir zusammen geradezu meditativ Kärtchen immer wieder neu zusammenschoben und zurecht rückten.

Kunst in Farben und Formen erleben, Materialien befassen und Gemeinschaft spüren, alles das bieten Kunstmuseen mit Programmen für Menschen mit Demenz.
Viele dieser Programme sprechen alle Sinne an: die Werke ansehen, passende Musik hören, Stoffe befühlen und ja: auch etwas riechen und schmecken, und sei es der gemeinsam getrunkene Kaffee am Anfang oder Ende eines solchen Programms. Denn unter anderem die Pinakothek der Moderne in München und das Museum Barberini in Potsdam integrieren ein gemeinsames Kaffeetrinken in den Workshop mit demenziell veränderten Personen. Dabei kann man innerlich ankommen oder auch zum Abschluss über das Gesehene Reaktionen austauschen.
Die Bundeskunsthalle in Bonn bietet sowohl passives als auch aktives Kunsterleben an, und das Kunstmuseum Mühlheim an der Ruhr ebenso wie das Lehmbruck-Museum in Duisburg kombinieren beides, indem die Gruppen erst einige Kunstwerke betrachten und anschließend selbst Kunst machen, wenn es heißt, eigene Werke zu malen. Im Städel-Museum in Frankfurt am Main geschieht das jeweils zu einem bestimmten Thema. Zum Beispiel steht eine bestimmte Farbe im Mittelpunkt oder eine Kunstrichtung, etwa Abstraktion.
Diese Programme richten sich vornehmlich an Paare, bestehend aus einer Person mit Demenz und einer betreuenden, angehörigen Person. Das hat nicht nur praktische Gründe, wenn doch einmal jemand unruhig wird oder sich an dem fremden Ort verloren fühlt. Vielmehr erleben beide gemeinsam etwas schönes und lernen gemeinsam etwas kennen, wofür sie keine Vorbildung benötigen.
Mein Vater hat zwar von Berufs wegen jahrzehntelang gezeichnet, nämlich die von ihm entworfenen Gebäude. Aber dem Malen konnte er nicht viel abgewinnen. Als wir es während seiner Demenz einmal ausprobierten, musste ich eher aufpassen, dass er das Tuschwasser nicht mit einem Glas Milchkaffee verwechselte und austrank!
Aber viele andere demenziell veränderten Leute fertigen faszinierend schöne Bilder an.
Daher lohnt es sich, bei den Kunstmuseen in der Nähe des eigenen Wohnortes einmal nachzufragen, ob sie auch ein Programm für Menschen mit Demenz anbieten, entweder indem man gemeinsam die Kunstwerke in dem Haus betrachtet oder sich auch selbst zum Malen inspirieren und anleiten lässt. So herausfordernd solche Ausflüge immer wieder sind: Einen Versuch sind sie wert!

Gemeinschaft spüren, sich beim Malen wirksam fühlen und vielleicht bei manchen Motiven oder Themen von Bildern und Skulpturen doch gemeinsame Erinnerungen aufkommen lassen. Das sind Erfahrungen, die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz erfüllen, wie sie auch Tom Kitwood in seinem Person-zentrierten Ansatz in der Demenzbetreuung beschrieben hat:
Bindung, Einbeziehung, Beschäftigung, Identität und Trost. Und im Zentrum des Ganzen steht für den Menschen mit Demenz das, was uns alle ausmacht, und das ihm vor allem Angehörige geben können: Liebe.

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