Museen besuchen mit Demenz

Wenn ich ein Museum besuche, bin ich oft erst einmal ehrfürchtig. Werde ich alles verstehen? Bin ich zu ahnungslos für das Thema? Darf ich die Exponate anfassen?

Und was ist, wenn ich eine demenziell veränderte Person mitnehme oder wenn ich selbst an solch einem Ort zwischendurch einmal nicht mehr weiß: Wo bin ich? Was soll das hier alles?

Vor acht Jahren meldete ich meinen Angehörigen im mittleren Stadium seiner Demenz und mich zu einer Führung durch das Altonaer Museum an. Sie richtete sich ausdrücklich an Menschen mit Demenz. Und was soll ich sagen? Ich war begeistert!

Damals waren solche Führungen noch wenig bekannt. Glück für uns: Wir waren an jenem Tag die einzigen Teilnehmer! Umso motivierter war die Mitarbeiterin des Museums, die uns durch die Räume führte. Sie hatte eine spezielle Schulung durchlaufen. Darin hatte sie gelernt, wie Menschen mit Demenz mitunter reagieren: Manche laufen weg, reden dazwischen, andere fassen gerne Dinge an, vornehmlich solche, die nicht dazu vorgesehen sind. Und die Mitarbeiterin hatte in der Schulung Tipps bekommen, welche Art Exponate besonders interessant für demenziell veränderte Besucher sind. Doch vor allem geht es darum, die Dinge gemeinsam zu erleben. Ein altes Foto kann Erinnerungen aus dem Langzeitgedächtnis wecken. Indem er dicke, aus dem Hamburger hergebrachte Taue betastet, denkt vielleicht ein früherer Werftarbeiter an seine aktive Zeit, als er noch Schiffe entlud. Der Höhepunkt für meinen Angehörigen und mich war im Altonaer Museum wie schon bei früheren Besuchen die Vierländer Kate: eine in den Museumsräumen originalgetreu wieder aufgebaute Bauernstube. Darin spazierte er auch allein mit der Museumsführerin noch einmal herum, während ich das Erlebte bei Kaffee und Kuchen Revue passieren ließ.

Der Programmpunkt „Kaffee und Kuchen“ stand gleich am Anfang der zweiten Demenzführung, an der mein Vater und ich teilnahmen, diesmal im Hamburger Museum der Arbeit. Wir plauderten mit der Expertin für alte Schreib- und Rechenmaschinen, die Arbeiterkontrolluhr sowie die echten Bagger und Straßenwalzen, die im Hof des Museums stehen. Auch dieser Ausflug war enorm kurzweilig.

Besonders sympathisch war, dass die Museumsführerinnen jeweils genauso neugierig auf uns und unsere Reaktionen zu sein schienen wie wir auf das, was sie uns zeigten. Menschen mit Demenz erinnern sich trotz schwindendem Kurzzeitgedächtnis oft noch an Details aus einer Zeit, als die Museumsleute noch nicht geboren waren. Oder sie nehmen Objekte ganz anders wahr, schauen mehr auf die Form oder Farbe, ohne gleich einzuordnen, welche Funktion ein Ding hat. So ist die Führung inspirierend für alle Seiten.

Seit ich vor acht Jahren zwei Museen auf diese Weise noch einmal neu erlebte, ist viel passiert. Heute bieten bundesweit zahlreiche Museen regelmäßig ähnliche Führungen an. Es lohnt sich, einfach vor Ort einmal nachzufragen. Und nahezu sicher ist: Da darf man auch etwas anfassen!

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert