Von der Geduld mit Menschen, die sich ausgeliefert fühlen

Boote liegen dicht an dicht in einem Hafen

Vor einigen Jahren während meines Urlaubs in Irland fragte mich ein Mann, was ich beruflich machte. Ich antwortete, dass ich einen demenziell veränderten Angehörigen pflegte. Er reagierte mit einem mitfühlenden „Oh, I’m sorry for that.“
Er meinte es höflich, und doch war ich verärgert. Denn ich wollte nicht bemitleidet werden. Ich hatte mich schließlich selbst für dieses Leben entschieden. Niemand hatte mich dazu genötigt. Im Gegenteil: Immer wieder gab es Menschen in meinem Bekanntenkreis, die mich nötigen wollten, meinen Angehörigen in ein Heim zu bringen. „Du musst dein eigenes Leben leben“, beharrten sie, ohne zu präzisieren, wie dieses „eigene Leben“ aussah. Und ich entgegnete: „Das ist mein eigenes Leben.“
Den Alltag mit einem Menschen mit Demenz zu teilen ist anstrengend. Aber die Alternative, meinen Angehörigen regelmäßig in einem Heim zu besuchen, stellte ich mir schwieriger vor, als mit ihm seinen Lebensabend zuhause zu verbringen.
Einen Menschen mit Demenz zu betreuen erfordert unter anderem Geduld, Kraft und Hilfe. Geduld, glaubte ich, sei mir angeboren. Die Kraft zog ich daraus, dass mein Schützling zufrieden mit seinem Leben war, auch während seiner Demenz. Und ich hatte Hilfe, die mich regelmäßig bei der Betreuung vertrat.
Meine Geduld wurde allerdings einmal schwer auf die Probe gesellt, jedoch nicht im Alltag mit dem demenziell veränderten Angehörigen.
Sie kam mir im Urlaub abhanden!
Der Mann in Irland, der mir die Frage nach meinem Beruf gestellt hatte, sollte mir auf dem Shannon-River beibringen, wie ich ein Motorboot so manövriere, dass ich präzise an einem Liegeplatz anlegen würde. Ich verzweifelte und fluchte, drehte das in Windeseile Steuer rechts und links herum, legte den Rückwärtsgang ein, dann wieder den Vorwärtsgang, gab Gas, bremste, alles nach den Anweisungen dieses höflichen Iren, und donnerte trotzdem an den Steg. Ich war der Sache nicht gewachsen, fühlte mich machtlos den Strömungen des Flusses ausgeliefert, ähnlich, so dachte ich, wie sich Menschen mit Demenz täglich den Wogen des nicht mehr zu meisternden Lebensalltags ausgeliefert fühlen müssen.
Der Motorboot-Lehrer, der mir das Manövrieren beibringen sollte, war dabei so geduldig mit mir wie ich im Alltag mit meinem Angehörigen.
Ich konnte das Boot nach einer erlebnisreichen Woche auf dem Shannon-River wieder abgeben. Ein Mensch mit Demenz bleibt dement. Wie man ihm helfen kann, sich durch dieses Leben zu navigieren, unter anderem darüber schreibe ich in diesem Blog.

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